Ich meine, das sind spannende Fragen, die der Psychoanalytiker Schmidbauer da anspricht:
- Wie ist es, den Raum zwischen Zärtlichkeit und Aggression auszuloten? Vielleicht in der Kindheit, aber auch jetzt, und gemeint ist das für jetzt sicher eher emotional als körperlich. Unter Partnern, unter Freunden, unter neuen Bekannten bei Gruppentreffen?
- Wie ist es mit den unterdrückten Gefühlen, Affekten? Die selbst unterdrückt werden, oder im Auftrag der Gesellschaft unterdrückt werden?
- Verlieren wir den Zugang zu unseren Gefühlen damit? Es gibt sicher einen gesellschaftlichen Druck, seine Gefühle ins Private zurückzunehmen. Bist Du damit glücklich? Gelingt es Dir?
- Nach meiner Beobachtung wird als Ausgleich Konsum mit Emotionen überfrachtet - Kaffee Krönung und die Familie ist glücklich, ich kaufe mir ein Wohnmobil und bin frei und habe Abenteuer usw. Bist Du zufrieden damit, wie es ist?
"Der Druck sucht ein Ventil"
Warum moderne Gesellschaften dunkle Gefühle verstärken, erklärt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer.
DIE ZEIT: Wenn wir über Habgier, Neid, Hochmut, Rachsucht, Eifersucht und deren kleine Schwester, die Schadenfreude, sprechen: Wofür stehen diese Gefühle in unserem Leben?
Wolfgang Schmidbauer: Der Mensch ist ein soziales Tier, und Sie können bereits bei Kindern beobachten, wie sie den Raum zwischen Zärtlichkeit und Aggression ausloten.
ZEIT: Welche Funktion hat es, wenn eine Gesellschaft dunkle Gefühle zu sanktionieren versucht?
Schmidbauer: Es ist ein Merkmal unserer zivilisatorischen Entwicklung, dass immer intensiver in das Gefühlsleben des Menschen eingegriffen wird, dass Gefühle unterdrückt werden. Das ist eine Form von Kontrolle.
ZEIT: Der moderne, der disziplinierte Mensch versucht, seine animalische Seite zu kontrollieren und zugleich den Zugang zum gesamten Spektrum seiner Gefühle nicht zu verlieren – und dann noch seine Ängste und Aggressionen in konstruktive Handlungen umzuwandeln. Das ist ganz schön fordernd. Um nicht zu sagen, überfordernd.
Schmidbauer: Ich war als junger Psychologe anmaßender als heute. Damals habe ich die Vernunft überschätzt. Aber meine therapeutische Erfahrung läuft darauf hinaus, diese primitiven Affekte zu respektieren. Es braucht außerdem viel Energie, sie zu beherrschen, und die Energie, die ein Mensch dafür aufbringen kann, ist begrenzt. Letztlich stärkt die moderne Gesellschaft mit ihren hohen Anforderungen an Disziplin die dunklen Gefühle, die primitiven Affekte sogar noch. Und dieser Druck sucht sich sein Ventil. Insofern wundert es mich nicht, wenn Menschen in sozialen Medien ihr ganzes Leid rauslassen, andere haltlos entwerten und ihren Hass ausbreiten.
ZEIT: Für Sie sind die Exzesse auf Facebook, X, TikTok und YouTube eine fast zwangsläufige oder gar notwendige Reaktion auf diese disziplinarischen Anforderungen? Wie herrlich wäre es, wir könnten sie dort lassen und ignorieren.
Schmidbauer: Es wäre wie ein andauerndes Oktoberfest. Aber im Ernst: Die Menschen hatten immer ihre Ventil-Sitten, bei denen sie ihre negativen Affekte für eine begrenzte Zeit zulassen konnten.
ZEIT: Was sagt es über unsere Gegenwart, dass uns zwei Wochen im Jahr dafür nicht mehr reichen?
Schmidbauer: Darüber lohnt es sich nachzudenken. Festzuhalten bleibt: Unsere Gesellschaft ist zugleich moralischer und primitiver geworden. Die Ansprüche auf der einen Seite erhöhen andererseits die Bereitschaft, sich einen Dreck um das zu scheren, was gewünscht und vernünftig oder auch nur menschenfreundlich ist.


